Working Student Antonia Bryans

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Die Engländerin Antonia Bryans hat ein ganzes Jahr als Working Student in den Oliveira Stables verbracht. Hier ist ihre Geschichte. Weil sie so authentisch erzählt und davon nichts verloren gehen sollte, haben wir den Artikel in der PIAFFE 2/2016 im englischen Original abgedruckt. Die bestmögliche deutsche Übersetzung finden Sie hier.


Reiten ist mehr, als nur hübsch auf dem Pferd zu sitzen

Im April 2014, nachdem ich einen wundervollen Kurs mit Manuel Jorge de Oliveira in England organisiert hatte, saß ich mit den Teilnehmern, Manuel und Isabella beim Abendessen, und wir diskutierten über das Reiten, tauschten Ideen aus und erzählten uns Geschichten.

Ich erwähnte gegenüber Manuel, dass ich gerne eine professionelle Reiterin werden würde, aber mit 31 Jahren dachte ich, es wäre zu spät. Er denke nicht, dass es zu spät sei, versicherte er mir und dass es als Reiter immer möglich sei, sich zu verbessern. Aber er warnte mich, dass je älter man sei, es umso schwieriger sein würde.

Der Abend schritt fort, wir diskutierten über Pferde,  über die Probleme, die sich den Reitern stellen und öffneten dabei eine Flasche Rotwein (oder zwei). Isabella erzählte uns von der Reitanlage, die sie gerade in Bayern eröffnet hatten, den ‚Oliveira Stables‘. Diese Reitanlage würde ein Ort sein, der die klassische Reitkunst weiterleben lässt, wo gut ausgebildete Pferde als Lehrmeister zur Verfügung stehen und wo Reitunterricht mit dem Ziel stattfindet, die Reiter zu lehren ihr eigenes Pferd korrekt auszubilden und Reiten wirklich zu verstehen. Ich rang mit der Vorstellung, dass ich dort trainieren könnte und der Gedanke ließ mich nicht los, dass eine einmalige und unglaubliche Chance auf mich zukam.

Es ist eine Sache, einen Traum zu haben, der noch zusätzlich angefeuert wird von klischeehaften Inspirations- Zitaten von Deepak Chopra aus dem Internet: „Folge immer deiner Passion. Frage nie ob es realistisch ist oder nicht.“ Oder der Klassiker von H. Jackson Brown: „In zwanzig Jahren wirst du die Dinge bereuen, die du nicht getan hast, viel mehr als die Dinge die du getan hast. Also mach die Leinen los. Verlasse den sicheren Hafen. Fange den Wind in deinen Segeln. Erforsche. Träume. Entdecke.“  

Aber, all die Leidenschaft und alle motivierenden Zitate der Welt ändern nichts an der Realität des Lebens – 2 Kinder, 11 und 13 Jahre alt, ein Ehemann, der nicht deutsch spricht und das Leben in England liebt, ein Haus, ein Hund, ein Pferd, ältere Verwandte, die nicht gesund sind, Freunde und Familie, die wir nicht verlassen möchten, unbezahlte Rechnungen, Ersparnisse - die Liste der Hürden war lang. Das erinnert mich an ein anderes Zitat: „Wenn du etwas wirklich willst, findest du einen Weg – wenn nicht, findest du eine Ausrede.“ Mit größtem Optimismus begann ich zu glauben, dass diese neue Möglichkeit realistisch war und zu wunderbaren Ergebnissen führen könnte. Ich begann nach Unterkünften zu suchen, nach Schulen und begann Kosten zu kalkulieren. Schließlich habe ich mit meiner Familie darüber gesprochen. Ich hatte nicht erwartet, dass sie enthusiastisch reagieren würden. Ich stellte ihnen eine Frage: „Wir müssen nicht komplett nach Deutschland umziehen, aber wenn wir vorübergehend umziehen würden, um meinen, zugegebenermaßen egoistischen, Traum zu unterstützen, wie lange könntet ihr das schaffen?“ Zu meinem Schrecken und Erstaunen waren sie damit einverstanden, dass 1 Jahr möglich wäre. Das war nicht so lange, wie ich gehofft hatte, denn insgesamt dauert es etwa 6 Jahre um ein Pferd von Anfang bis Ende auszubilden, aber ich schätzte das Opfer, das sie erbringen wollten und dass sie fröhlich dabei waren, meinen kleinen, scheinbar unerreichbaren Traum in Realität zu verwandeln.

Vier Monate später lebten wir in Bayern. Als ich am ersten Tag in den Stall kam, war von der Schönheit der Reitanlage wie erschlagen, von der großen, holzverkleideten Reithalle und den Bäumen, die die Auffahrt säumten und in der Ferne sah man die Berge. Dieses wunderbare Szenario passt perfekt zu der Arbeit, die dort erbracht wird. Ich war überrascht, wie viele Pferde dort leben, 20 etwa, Hengste, Wallache und Stuten unterschiedlichster Rassen, meist jedoch Lusitanos. Ich erkannte einige Pferde wieder, die ich online auf Fotos der Veranstaltungen gesehen hatte – viele von ihnen waren als Schulpferde verfügbar.

Schnell wurde ich mit der Routine vertraut. Wir beginnen früh, um 7:30 Uhr, die Pferde sind bereits gefüttert und das erste Pferd, das geritten wird ist vorbereitet. Nur einmal in der Woche, wenn der Pferdepfleger frei hat,  misten wir selbst die Boxen aus, ansonsten sollen sich die Reiter voll und ganz auf das Reiten und die Vorbereitung der Pferde zu konzentrieren. Die Vorbereitung der Pferde bedeutet Longieren und die Arbeit an der Hand. Dies befähigt uns, unser Gefühl und unser Know How für diese spezielle Arbeit zu verbessern und damit auch die Verantwortung für den Trainingsfortschritt eines jeden Pferdes mit zu übernehmen. Wir arbeiten bis 13 Uhr, machen eine ordentliche Mittagspause und arbeiten dann bis 19.00 oder 20.00 Uhr abends weiter mit den Pferden. Es ist nicht einfach, so viele Stunden zu arbeiten, aber das Team ist so leidenschaftlich dabei, dass der Tag schnell vergeht - um es mit Manuels Worten zu sagen: ‚dedication is liberation - Hingabe ist Befreiung‘. Jeder Reiter, auch ich, reitet mindestens ein Pferd pro Tag. Mein Unterricht ist immer mit Christina Wunderlich, es sei denn, Manuel selbst ist anwesend (10 Tage pro Monat), dann gibt er uns jeden Morgen Gruppenunterricht.

Passagier oder Reiter?

Der Gruppenunterricht war wie ein Schock für mich. Schritt und Trab waren kein Problem, aber beim Galoppieren in der Gruppe sind die meisten Pferde energiegeladen und schwer zu kontrollieren. Es gab Buckler und andere Turbulenzen und ich befürchtete selbst herunterzufallen oder den Sturz eines anderen zu verursachen. Manuels Anweisung war, dass wir lernen müssten, die Pferde in derartigen Situationen zu kontrollieren. Reiten heißt mehr, als nur hübsch auf dem Pferd zu sitzen wie ein Passagier – es sei auch notwendig zu wissen, wie man in schwierigen Situationen die Verbindung zum Pferd behält. Manuel erklärte mir, dass ich beim Reiten immer nach einer Lösung suchen müsse. Dass Reiten genau die Fähigkeit sei, Probleme zu lösen. Er sagte mir, ich solle nicht panisch und angespannt werden, sondern weiter denken und einen Weg finden, mein Pferd davon zu überzeugen, ruhig zu bleiben. Ich habe eine Weile gebraucht, um den Dreh heraus zu bekommen, aber jetzt habe ich keine Probleme mehr, mein Pferd in einer Gruppenstunde ruhig zu halten. Es bedarf einer Menge Konzentration und Taktgefühl – Nachgeben und Annehmen der Zügel im richtigen Moment, Treiben und Verwahren der Beine je nach Bedarf, tief einsitzen und versuchen, die Stimmung und die Gedanken des Pferdes zu verstehen. Ich habe dabei auch eine Lektion über Manuel gelernt: dass er gerne durch „Erfühlen“ lehrt. Er bringt einen in Situationen, die außerhalb deiner Komfortzone liegen, aber nicht weiter als du verkraften kannst. Dann hilft er dir einen Weg zu finden, die Lösung selbst zu entdecken.

Bevor ich nach Deutschland, kam hatte ich jede Menge Erfahrung im Reiten und doch war ich kein effektiver Reiter. Ich ritt ein gut trainiertes Pferd, aber ich mühte mich ab, seinen Körper seitwärts zu bewegen. Ich zog zu sehr am inneren Zügel, konnte keine Linie halten, ich schnitt die Ecken ab, ich konnte den Trab nicht richtig aussitzen (wir traben niemals leicht) und zu Manuels größter Irritation arbeiteten meine Beine nicht richtig. Ich fühlte mich minderwertig im Vergleich zum Rest der Reiter der Oliveira Stables, sogar die Reiter mit nur ein oder zwei Jahren professioneller Ausbildung ritten eleganter und selbständiger in höheren Lektionen und konnten logische Übungen zusammenstellen, um ihre Pferde zu trainieren. Trotzdem beharrte Manuel darauf, dass ich täglich ritt und gewährte mir die Freiheit mich weiterzuentwickeln, unabhängig von meinen Defiziten. Er sagte mir, ich hätte einen guten ‚Sinn für das Gefühl‘  und gestattete mir auf dieser Grundlage mehr Geschick zu entwickeln.

Lernen hört niemals auf

Obwohl es nur langsam voran ging, kann ich doch sehen welche Fortschritte ich gemacht habe, wenn ich mir Fotos und Videos von vor einem Jahr ansehe. Ich verstehe mehr, ich kann meinen Körper besser kontrollieren, kann mehr Stabilität im Sattel halten und besser einwirken. Aber es gibt noch so viel zu lernen! Ein Jahr ist wirklich nicht genug, um Reiten von Grund auf zu lernen. Ich kann Lektionen reiten, die als Fortgeschritten bezeichnet werden, wie Piaffe, Passage, Fliegende Wechsel etc., aber die Qualität der Arbeit ohne Unterstützung aufrechterhalten zu können, ist eine Herausforderung. Verdammt schnell schleichen sich alte Gewohnheiten wieder ein.

Hier zu reiten ist wie täglich an einem Kurs teilzunehmen. Christina oder Manuel sind immer da, um mir zu helfen, genauso wie engagierte Kollegen, mit denen ich Probleme diskutieren kann. Jedoch, wie nach einem Kurs, wenn du allein zurück an die Arbeit gehst, kann sich alles schnell wieder in Luft auflösen. Es ist wichtig, ein guter Lehrer für sich selbst zu werden. Sich immer selbst zu analysieren, genauso wie sein Pferd.

Die Geschichte endet hier nicht

Es war aber nicht nur Training mit Manuel. Während meinem Aufenthalt in den Oliveira Stables konnte ich bei anderen anregenden Kursen mit außerordentlichen Trainingsvarianten zuschauen oder teilnehmen, mit wundervollen Trainern wie Frédéric Pignon, Saskia Gunzer, Franco Gorgi, Alfonso Aguilar, Niklaus Muntwyler und Ruth Hermann. Ich bin in der bayrischen Landschaft ausgeritten und habe bei etlichen Escola de Equitacao Kursen und Reitstunden mit Manuel zugesehen. Ich bin bei der Sonntäglichen Morgenarbeit vor 300 Menschen im Publikum mitgeritten. Ich habe mein Schulpferd gekauft, den 8-jährigen Lusitanowallach Domino, der mit mir nach England kommt und mir helfen wird, mein Training fortzuführen und der ein Botschafter der Oliveira Stables in Großbritannien werden soll. Für die Zukunft geht es mir nun darum, der Reiterei mehr Zeit zu widmen und kontinuierlich auf diesem guten Fundament aufzubauen, das hier gelegt wurde.

Ab März 2017 werde ich an der Escola de Equitacao Gruppe 3 als aktiver Reitschüler teilnehmen. Ich denke, das wird mir helfen, all das zu festigen, was ich in meiner Zeit hier gelernt habe und ein gründliches Verständnis für Reiten und Training zu entwickeln –und es wird mir eine große Freude sein. Sicherlich ist eine reiterliche Ausbildung nie zu Ende, darum ist die Escola nur der nächste Schritt in einer hoffentlich langfristigen Ausbildung bei Manuel. Abgesehen davon freue ich mich, zu Hause einen Kundenstamm aufzubauen und eventuell, vielleicht ein Trainingscenter für Menschen und Pferde in England.

Insgesamt war die Erfahrung hier äußerst positiv, obwohl es nicht immer leicht war. Wir haben es nicht geschafft, die Sprache zu lernen, nur einige fundamentale Sätze. Meine Tochter konnte ihr Gymnastiktraining nicht so intensiv weiterführen wie in England – es war ärgerlich für sie und bedurfte einer gefühlvollen Betreuung. Auch mein Sohn blieb in England im Internat seiner Schule und kam in allen Schulferien zu uns nach Deutschland. Jedes Mal wenn wir uns am Flughafen verabschieden mussten, war es herzzerreißend. Und noch etwas: es tut mir leid das zu sagen, aber das Essen hat uns nicht so geschmeckt! Wie ich mich freue, nach Hause zu kommen und in meinem Lieblingsrestaurant zu essen. Aber im Ernst, all das sind keine wirklichen Probleme. Alles in allem war die Zeit hier all die Mühe wert.  Es wäre nicht möglich gewesen, eine derartige Entwicklung zu machen, wenn man nur an Kursen teilnimmt – eine intensive Ausbildung bringt zehn Mal mehr als 1 bis 2 Unterrichtsstunden im Monat. Nicht zu vergessen die neuen Freunde, die wir gefunden haben und die Erfahrung in einem anderen Land zu leben.

Jedem, der überlegt etwas Ähnliches zu tun  -  würde ich sagen, finde einen Weg.

     
Antonia Bryans, 2016



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